geweihte zeit

     Eine Zeitlang völlig absichtslos sein, Sinn und Zweck nicht kennen. Nur horchen, sehen, fühlen, spüren. Im Innen und im Außen. Die momentane Befindlichkeit des Körpers, des Gemüts, des Verstandes, und die Atmosphäre des Raumes, in dem man gerade sitzt oder liegt und wo nichts passiert. Nicht tun.

     Mühelos, ohne jemanden beeindrucken zu wollen, auf einem Stuhl, auf einer Bank, auf einem Meditationskissen, oben auf dem Hochstand eines Waldes, unten an den Ufern eines Sees; oder auf einer Couch mit Blick in den Garten oder in den Himmel.

    Beim Nicht Tun geht es darum es zuzulassen, dass sich nichts zwischen uns und das stellen kann, was uns so nah ist. Es ist eine unendlich zarte und rücksichtsvolle Einladung an das Leben uns zu berühren. Indem ich nichts tue, um das Leben zu finden, findet das Leben mich. Indem ich nichts tue, um meinen inneren Zustand zu verändern, kann Transformation stattfinden. Der Wunsch oder das Bestreben etwas (anderes) erreichen zu wollen wird dabei Schritt für Schritt aufgegeben. Man gibt das Suchen und das Verändern-Wollen auf und ist einfach. Das ist die Praxis des Nicht Tuns.

     Sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, es geschieht von allein, man braucht nichts dafür zu tun – das Ticken einer Uhr, das Rauschen des Windes draußen in dem Bäumen, die zarte Staubschicht auf einer Vase, Licht, das auf den Blättern einer Pflanze glänzt, das Gefühl von Traurigkeit im Bereich des Bauches. Manchmal ist es gut den Rücken aufzurichten. Den Rücken aufzurichten gleicht einer Pflanze, die sich zur Sonne hin ausrichtet. Es hat innerlich eine ordnende und klärende Wirkung.

 

    Man kann dem Nicht Tun täglich ein paar Minuten weihen oder sich längere Zeit darauf einlassen, eine Stunde, einen Tag, zwei Tage. Wie lange auch immer, jede Minute ist kostbar. Niemals verschwendet man seine Zeit, im Gegenteil, man segnet sie.

            Wahrnehmen und nichts verbessern müssen. So wie es in diesem Moment ist, ist es gut. Sie könnten sich müde, rastlos, unsicher, liebevoll oder ärgerlich fühlen – alle Zustände und Gefühle sind willkommen und haben die Erlaubnis da zu sein, ohne befürchten zu müssen, bewertet zu werden. Sie können sich selbst fragen: Wie geht es mir? Wie fühle ich mich? Wen oder was finde ich, wenn ich die Augen schließe und in mich hinein spüre? Und Sie können diese Fragen restlos ehrlich beantworten. Denn alles darf hier sein, genauso wie es ist, in der Zeit des Nicht Tuns (und natürlich auch sonst). Jemand, der auf diese Weise mit sich selbst umgeht, gleicht er einer Sonne, die mit ihren warmen Strahlen alles berührt, was man ihr hinhält.

     Bemerken wie Gedanken kommen und gehen. Spüren, wie die Hände den Stoff der Kleidung berühren oder die Armlehne des Stuhles, die kühl und glatt ist. Hören, wie draußen ein Telefon klingelt, sehen, wie die Gardine sich ganz leicht bewegt, fast als würde sie atmen. Bemerken, wie nach und nach mehr Stille einkehrt. Nichts passiert. Ein wahrhaftiger Mensch, der einfach da ist.

      „Vor allem wenn ich längere Zeit in diesem stillen Zustand verweile, fühle ich mich irgendwann nicht mehr wie eine Person, die allein in ihrem Zimmer sitzt, sondern wie ein stilles Ding unter anderen stillen Dingen – wie ein ruhendes Tier, inmitten von anderen ruhenden Tieren.“

     Am Anfang nimmt man die Stille vor allem in der Abwesenheit von Lärm wahr. In einer leeren Kirche oder in einem einsamen Tal, in der Wüste oder mitten auf einem stillen See. Lässt man sich jedoch für eine längere Zeit auf das Nicht Tun ein, wird man früher oder später noch eine andere Stille kennenlernen. Eine raumhafte, kristallklare, tiefe Stille – eher wie eine Präsenz spürbar. Diese Stille ist überall, in jeder Rockfalte, in jedem Blatt, unter jedem Stein, in den Wolken und den Bäumen, in den Pfützen und in den Muscheln, in den Haaren und in den Gedanken, ja selbst zwischen den Gedanken. Sie durchdringt alles, ist unzerstörbar und selbst in dröhnendem Lärm präsent.

        Vor allem dann, wenn man sich dem Nichts mit ganzem Herzen überlässt, lädt man diese Stille unweigerlich zu sich ein. Und irgendwann wird es geschehen, dass man von ihr berührt wird.

„Ich saß da, allein, still, für Stunden, und es war, als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben ankommen.“

     Nicht Tun ist weder ein Konzept, noch eine Methode, noch ein Strategie. Es sollte möglichst auch nicht zu einer Anwendung werden, also zu etwas, das wir tun. Dies erscheint gewissermaßen wie ein Paradox. Tun wir etwas und tun es gleichsam nicht? Tun wir etwas, was man eigentlich nicht tun kann? Wie tun wir nichts, ohne dass es zu einem Konzept wird? Die Lösung heißt immer wieder aufzuhören. Wann immer ich merke, dass ich etwas beabsichtige, ein Ziel verfolge oder etwas zu verändern suche, höre ich auf und überlasse mich dem, was mir so nah ist. Das ist die Praxis den Aufhörens oder des Aufgebens. Das ist die Praxis des Sich-Überlassens. Dieses Sich-Überlassen enthält ein beinahe blindes Vertrauen, und dieses Vertrauen ist im Grunde genommen schon reine Liebe.

     „Ich saß allein an einem Tisch im Café. Manchmal schaute ich aus dem Fenster nach draußen, wo es regnete. Dann wieder ließ ich meinen Blick im Café umherstreifen, wo sich Gäste leise unterhielten, telefonierten oder still im Internet surften. Weder ein Handy noch ein Buch lagen vor mir auf dem Tisch. Nur eine Tasse Kaffee stand da. Von Zeit zu Zeit nahm ich die Tasse, trank einen Schluck und stellte sie wieder hin.“
©Rani Kaluza

„Das Leben ist wie ein sehr scheues, ängstliches Tier.
Wenn ich darauf zugehe, weicht es zurück und versteckt sich.
Wenn ich es auffordere, es solle herauskommen, wird es nicht kommen.
Wenn ich versuche herauszufinden, wie ich es einfangen kann, bleibt es versteckt.
Selbst wenn ich die allerschönsten Tänze aufführe, um es zu beeindrucken und zu verführen, wird es sich nicht sehen lassen.
Nur wenn ich hier bin, still und nichts tue,
nichts um es zu überreden,
nichts um es herzuholen,
nichts um es zu manipulieren,
kommt es ganz langsam heraus und offenbart sich.
Und am Ende werde ich in seinen Armen liegen wie ein Kind.“
– Rani

„Du brauchst dein Zimmer nicht zu verlassen.
Bleibe an deinem Tisch sitzen und lausche.
Du brauchst nicht einmal zuzuhören, warte einfach nur ab.
Du brauchst nicht einmal zu warten, lerne einfach
ruhig zu werden und still und für dich.
Die Welt wird sich dir freigebig darbieten, um demaskiert zu werden.
Sie kann nicht anders; sie wird sich in Ekstase vor deinen Füßen wälzen.“
– Franz Kafka